Gastbeitrag von PwC Strategy&: PSD2 – Catalyst or Threat?

PwC Strategy& hat im letzten Monat eine ausführliche und sehr interessante Studie zu den strategischen Implikationen der PSD2 veröffentlicht. Wir freuen uns, dass Dr. Jörg Sandrock und Kollegen die Ergebnisse ihrer Untersuchungen aus FinTech-Sicht für einen Gastbeitrag in unserem PSD2-Blog zusammengefasst haben.

 

Catalyst or Threat?

Ein Blick auf die strategischen Implikationen der PSD2 aus Banken- und FinTech-Sicht

Der Bankensektor befindet sich im grundlegenden Umbruch. Neue regulatorische Anforderungen wurden eingeführt, auch um Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Mit der Novelle der Payment Services Directive (PSD2) kommt nun eine europaweite Richtlinie, die vor allem Wettbewerb und Innovation fördern soll. Durch die PSD2 müssen Banken u.a. ihre Bankinfrastruktur Dritten („Third Party Payment Providers“ bzw. TPP) gegenüber öffnen. Ein standardisierter Zugang zu Kundendaten und Bankinfrastruktur wird die Eintrittsbarrieren für TPPs und FinTechs verringern sowie neue Geschäftsmodelle und innovative Finanzdienstleistungen weiter fördern. Somit kann die PSD2 ein Katalysator für strategische Neuausrichtungen in Europas Bankensektor sowie für neue Geschäftsmodelle sein.

In unserer Studie „Catalyst or threat? The strategic implications of PSD2 for Europe’s banks“ haben wir die strategischen Auswirkungen der PSD2 aus drei Perspektiven analysiert. Erstens haben wir mit 30 führenden europäischen Banken über ihre Erwartungen zu den Auswirkungen der PSD2 gesprochen. Zweitens haben wir parallel in einer repräsentativen Umfrage 1.000 Endkunden über ihrer Offenheit gegenüber „Third party“-Angeboten befragt. Und drittens zeigen wir die Profile von sechs ausgewählten FinTechs (figo, Number26, Buddybank, Open Bank Project, Treefin und satispay), die mit ihren Geschäftsmodellen bereits heute demonstrieren, wie Daten und APIs (Application Programming Interfaces) innovativ genutzt werden können. Die Studie hat uns damit ein breites Bild über die Auswirkungen der PSD2 geliefert. Gerade für innovative, mutige Anbieter kann die PSD2 einige Chancen bieten. Im Folgenden blicken wir auf unsere Studienergebnisse aus FinTech-Sicht und zeigen vier Ansatzpunkte, die speziell für FinTechs Chancen bieten könnten.

Drittanbieter genießen bereits das Kundenvertrauen
FinTechs und Dritte können diese zunehmende Vertrautheit von Konsumenten für sich nutzen

Aus unserer Kundenumfrage geht hervor, dass Endkunden bereits mit TPPs vertraut sind und diese für ihre Online-Einkäufe nutzen. 88 % der Konsumenten verwenden TPPs wie SOFORT oder PayPal (wurde von uns trotz Banklizenz als TPP betrachtet) beim online Zahlen und 85 % empfinden ihre Sicherheit als vergleichbar zu Bankangeboten. Im online Zahlungsverkehr haben „Nicht-Banken“ somit bereits ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut. Diese Vertrautheit von Konsumenten könnte sich auch bei Finanz-Apps, die über das reine Zahlen hinausgehen, auszahlen. In diesem Bereich haben die Banken jedoch noch die Nase vorn: Bank-Apps werden aktuell dreimal mehr genutzt als „Nicht-Bank“ Apps. Die Zurückhaltung auf Kundenseite ist vor allem aufgrund von Sicherheitsbedenken noch hoch: 35 % der Konsumenten würde Finanz-Apps nutzen, sofern die (gefühlte) Sicherheit höher wäre. Die im Rahmen der PSD2 einzuführenden, höheren Sicherheitsvorkehrungen könnten auch FinTechs nutzen – wenn sie dem Kunden kommuniziert werden.

Kunden schätzen Convenience, Multibankfähigkeit und einfache Bedienung
Durch die Integration von weiteren Daten können dem Kunden zusätzliche Services angeboten werden

Unsere Umfrage zeigt, dass Konsumenten insbesondere Convenience, beispielsweise Multibankfähigkeit (bzw. „alles bequem an einem Ort“) und einfache Bedienung schätzen. Vielfach haben FinTechs bereits gezeigt, dass sie diese Bedürfnisse von Konsumenten verstehen und kundenfreundliche Apps entwickeln. Mit der PSD2 können zusätzliche Daten für (noch) personalisiertere Angebote und eine noch benutzerfreundlichere Anwendung eingebunden werden. Aus unserer Sicht werden insbesondere diejenigen Markteilnehmer von der PSD2 profitieren, die dem Endkunden die beste User Experience und Vorteile aus dem Nutzen der gesamten Daten ermöglichen. Auch wenn die PSD2 TPPs einer Regulierung unterwirft, überwiegen aus unserer Sicht die Chancen: Denn sowohl direkt als auch über Banking Service Provider wie figo werden FinTechs nun die Möglichkeit haben, einen großen Datenpool zu erreichen – und damit könnten sie gut gerüstet für den „Wettlauf um das schönste Frontend“ sein.

Banken sind noch sehr unsicher bezüglich der PSD2
Sie befürchten den Verlust der Kundenschnittstelle, haben jedoch noch vielfach keinen strategischen Plan

Das Stimmungsbild der Banken zeigt ihre Unsicherheit: Zwar erwarten 88 % der Banken, dass die PSD2 einen strategischen Einfluss auf ihr Geschäftsmodell haben wird. Ebenso groß sind die Erwartungen, dass der Wettbewerb für Banken durch TPPs zunehmen wird und dass Banken dadurch geschwächt werden könnten. Insbesondere befürchten 68 % den Verlust der Kundenschnittstelle an TPPs. Dennoch haben erst 52 % Projekte aufgesetzt, um die Implikationen der PSD2 zu evaluieren. Diese Unsicherheit können FinTechs für sich nutzen, sofern sie den Handlungsbedarf jetzt erkennen und proaktiv ihre Strategie formulieren.

Banken können dem Innovationtempo nur mit Partnerschaften schritthalten
Die Mehrzahl der Banken sieht Kundenfokus und Innovation als zentrale strategische Themen

Aus unseren Interviews ging hervor, dass APIs als ein Haupttreiber für digitale Geschäftsmodelle und Plattformen in Zukunft gesehen werden. Mittels APIs lassen sich Partner einfach und sicher integrieren. Hierdurch kann von der Innovationskraft der Partner profitiert, die Geschwindigkeit erhöht bzw. die Time-to-Market verkürzt und das Risiko eines kompletten Eigenentwicklungsansatzes gesenkt werden. Auch Banken haben die Wichtigkeit von Partner-basierten Ansätzen erkannt: 92 % erwarten, dass Partnerschaften wichtig oder sehr wichtig für die Zukunft sein werden, 71 % glauben, dass sie ohne Partnerschaften nicht mit dem Innovationstempo schritthalten können. Wir erwarten, dass FinTechs als Innovationstreibern hierdurch künftig ein (noch) höherer Stellenwert eingeräumt wird.

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Wo geht die Reise hin?

„First Mover“-FinTechs und -Banken haben bereits damit begonnen, ihre Infrastruktur für Dritte zu öffnen und datenbasiert zu arbeiten. Da Kundenfokus, Innovation und Time-to-Market immer wichtiger werden, rücken API-, Daten- und Partner-basierte Modelle mehr in den Fokus.
Die Vorteile der PSD2 für die Verbraucher weist niemand von der Hand, doch auch für die traditionellen Banken ergeben sich interessante Anknüpfungspunkte aus der Kooperation mit Drittparteien wie FinTechs, Datenunternehmen oder Telekommunikationsanbietern. Jetzt ist es an der Zeit, die aufgedeckten Zukunftsängste hinter sich zu lassen und stattdessen die guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Banken brauchen dringend weiteres digitales Knowhow, FinTechs sind auf die breite Kundenbasis der Geldhäuser angewiesen. Die Verbraucher sind längst im digitalen Zeitalter angekommen und erwarten umfassende Serviceleistungen aus möglichst einer Hand. Ohne Kooperationen werden viele traditionelle Banken den Anschluss verlieren, denn die Akzeptanz von FinTechs wird durch deren offizielle Regulierung merklich steigen. Die PSD2 setzt die Digitalisierungsskeptiker unter Zeitdruck, sich den neuen Technologien zu öffnen und strategische Entscheidungen für die Zukunft zu treffen – oder aber ihr Kerngeschäft an die vermeintliche Konkurrenz zu verlieren.

Die gesamte Studie ist unter folgendem Link erreichbar: http://www.strategyand.pwc.com/reports/catalyst-or-threat

Autoren

Jörg Sandrock ist Partner bei PwC Strategy& Deutschland und verantwortet die Digital Practice für Financial Services, Alexandra Firnges ist Managerin im gleichen Bereich, Gerrit Glaß ist Senior Consultant bei PwC im Bereich Financial Services Technology Consulting.