TEIL 1 – FinTechs: PSD2-Lizenz-Neulinge müssen JETZT aktiv werden

Es gilt jetzt, mit der Vorbereitung zu starten! Der PSD2-Umsetzungszeitplan wird in Deutschland durch die Bundestagswahl sowie die in der PSD2 vorgesehenen European-Banking-Authority-Standards und Leilinien beeinflusst. Die Umsetzung hängt wesentlich von diesen EBA-Vorgaben ab – insbesondere in Bezug auf die Authentifizierung und Kommunikation.

Allerdings wird derzeit durch das zuständige Bundesministerium der Finanzen (BMF) geprüft, inwieweit es machbar und sinnvoll ist, die nicht davon betroffenen PSD2-Richtlinienteile bereits bis zum Sommer 2017 umzusetzen und über Verordnungsermächtigungen die Umsetzung der EBA-Standards und Leitlinien zu einem späteren Zeitpunkt sicherzustellen. Übersetzt: Der Regierung wird dadurch ermöglicht, Verordnungen zu erlassen, ohne das Parlament zu befragen, welches sonst regelmäßig bei Gesetzesänderungen einzubeziehen wäre. Die finalen EBA-Guidelines ließen sich somit schneller „hinten anhängen“. Die Lizenz- bzw. Registrierungspflichten entstehen dennoch grundsätzlich ab 13. Januar 2018 (Artikel 115 der PSD2). Von diesem Zeitplan kann aufgrund der mit der PSD2 verbundenen EU-Vollharmonisierungspflicht national nicht abgewichen werden, auch wenn z. B. das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) in Deutschland vorab novelliert werden würde.

Aus FinTech-Sicht zu beachten ist allerdings, dass bei Abgabe des Lizenzantrags die Umsetzungsarbeit bereits in großen Teilen erledigt sein muss. Um diesen Aufwand und die dafür notwendigen Ressourcen in groben Zügen einschätzen zu können, genügt ein Blick in den Artikel 5 der PSD2.

Die Herangehensweise, den Aufwand hinauszuzögern und sich mit kleineren Schönheitskorrekturen durch den Lizenzantrag zu helfen, kann zwar zu einem „Trotzdem-noch-geschafft“-Erfolg führen. Die Freude darüber wird allerdings von kurzer Dauer sein, gefolgt von Reue, die Vorbereitungszeit strategisch nicht wertvoll ausgenutzt zu haben. Spätestens, wenn man in ein paar Jahren mit dem Lizenzverlustdruck im Hinterkopf weitere teure Compliance-Ressourcen einkauft, obwohl sich alle Unternehmensverantwortlichen darüber bewusst sind, dass diese nicht nötig wären, wenn man die Umsetzung strategisch irgendwie schlanker und sinnvoller in die Wege geleitet hätte. Die Lösungen sind dann allerdings kaum noch greifbar.

In jedem Fall ist dringend anzuraten, sich über die eigene PSD2-Lizenz-Pflicht schnellstmöglich bewusst zu werden. Dies allein bereits aus dem einfachen Grund, dass derzeit dank begrüßenswerter Initiativen durch den Gesetzgeber, die Aufsicht sowie ergänzend durch entsprechende Branchenverbände diverse bereits aktive Plattformen geschaffen wurden, um den Prozess der nationalen Umsetzung der PSD2 eng begleiten zu können. Das heißt in der Praxis, die eigene Produkt- und Service-Palette den Anforderungen der PSD2 gegenüberzustellen und mit Regulierungsexperten sowie anderen FinTech-Verantwortlichen auf Augenhöhe über die Auswirkungen und die nationalen Gestaltungsspielräume zu diskutieren. Nicht zuletzt bietet mir dies als Verantwortlicher zusätzlich die Basis für den Aufbau eines eigenen Experten-Netzwerks. Dies kann mir in den nächsten Jahren einen gewinnbringenden Austausch zu allen Umsetzungsproblemen ermöglichen, die sich erst in der praktischen Anwendung ergeben.

Erst-Regulierung als Chance betrachten

Zur Prüfung einer möglichen Regulierungspflicht für mein FinTech-Unternehmen sollte die erste Frage nicht lauten „Droht mir die Lizenzpflicht?“. Vielmehr sollte hinterfragt werden, inwiefern mir der Aufwand, den ich in eine Lizenz investieren müsste, positiven Nutzen bringen kann, und ob sich daraus nicht zwangsläufig das angestrebte Ziel „Wie werde ich ein reguliertes FinTech unter der PSD2? ergibt.

Die Lizenz als solche und bereits ihre Vorbereitung führen zu wertvollen Nebeneffekten, die sich immens auf den Erfolg eines Unternehmens auswirken können: Eine Lizenz wirkt nach außen mit einem starken Gütesiegeleffekt, welcher insbesondere in Deutschland als Bedenkenträgernation nicht unterschätzt werden sollte. Der teilweise noch zögerliche Nutzer neuer Technologien zur Abwicklung von Bankgeschäften, gewinnt neues Vertrauen in das FinTech-Unternehmen. Zwar versteht es die Branche bereits, nach außen das Selbstverständnis zu leben, sich als Vorreiter in Sachen Kundentransparenz, IT-Sicherheit und Datenschutz von der Banken-Welt abzuheben. Eine externe Bestätigung, dies auch entsprechend hinreichend in den unternehmensinternen Prozessen umgesetzt zu haben, zählt allerdings erheblich mehr als ein Versprechen. Mit der Lizenz kann ich mein Compliance-Management als Produktmerkmal verkaufen.

Noch lizenzlose FinTechs im B2B-Bereich werden bereits heute von ihren Kunden auf diese Prozesse hin geprüft. Und damit muss nebenbei bemerkt – unabhängig von jeder Lizenzpflicht – grundsätzlich gerechnet werden, wenn ich mich als Akteur in der Finanzbranche bewege. Denn selbst wenn mich die direkte Lizenzpflicht nicht dazu anhält, angemessene Standards zu wahren, wird dies spätestens indirekt in den zwingenden Outsourcing-Controlling-Prozessen meiner lizenzpflichtigen Partner der Fall sein.

Oftmals wird zudem die Tatsache ignoriert, dass die aktive Umsetzung von Lizenzanforderungen zwar in erster Linie der Kundensicherheit dient – mir aber als FinTech-Start-up selbst auch eine erhebliche Sicherheit bieten kann. Gründer beschäftigen sich zwar fortlaufend mit Existenzrisiken. Oftmals mag ihnen aber – insbesondere ohne vorherige größere Erfahrungen in der Finanzdienstleistungsbranche – der Blick für die Gesamtheit potenzieller Risiken fehlen. Der frühzeitige Aufbau eines strategischen Risikomanagements kann dabei helfen, die eine oder andere Schwachstelle zu entdecken, die schnell auch das Ende eines noch jungen Unternehmens bedeuten kann. Eine konsequente Vorbereitung auf die Lizenzierung schützt das Start-up somit beispielsweise vor existenzbedrohenden Reputationsrisiken, die vielfältig ausgelöst werden können.

Zu guter Letzt kann das Anstreben einer Lizenz auch für potenzielle Investoren ein wesentliches Entscheidungskriterium sein, mich als ernst zu nehmenden Akteur zu betrachten.

Potenziale aus dem Zusammenprall klassischer Bankendenke und FinTech-Mindset

Vor dem beschriebenen Lizenzvergnügen, dessen positive Nebeneffekte meines Erachtens – wenn überhaupt – nur sehr begrenzt durch „regulatorische Sandkisten“ verwässert werden sollten, wartet allerdings ein erheblicher Aufwand, den FinTech-Verantwortliche frühzeitig einplanen müssen.

Die erfolgreiche Etablierung neuer Managementstrategien, das Erreichen eines tatsächlichen Umdenkens sowie insbesondere der Aufbau nachhaltiger Compliance-Lösungen sind in der Bankenpraxis nur noch schwer überwindbare Hürden. Verantwortliche kämpfen dabei täglich mit komplexen Organisationen, Informationsgefällen und schlecht verknüpften Prozessen. Nicht umsonst spricht man hier inzwischen auch öffentlich von einer anhaltenden Frustration bei neuen Regulierungswellen.

Der Kontrast zur Start-up-Welt ist groß. Hier wird übliche Markt- und Unternehmenspraxis kühn hinterfragt, es wird unternehmens- und auch branchenübergreifend gedacht und konstruktives Gedankengut sozial-vernetzt geteilt. Das Besondere an der FinTech-Branche im Speziellen ist wiederum, dass diese beiden beschriebenen Welten hier intensiv aufeinanderprallen. Worauf ich hinaus möchte, ist der Kultur-, Horizont- bzw. Stimmungsunterschied – kurz das Mindset-Gefälle – und das unglaublich große Potenzial für beide Seiten,  die jeweiligen Erfahrungen und Denkweisen miteinander zu teilen.

Als FinTech-Verantwortlicher sollte ich mich also bewusst von der Demoralisierung im Bankenumfeld über den allgemeinen Regulierungsaufwand nicht beeinflussen lassen. Stattdessen sollte ich vorurteilsfrei die Herausforderung annehmen, durch ein von Beginn an intelligent aufgebautes Regulierungs- bzw. Compliance-Management, Kosten und Frustration vorab einschränken zu können. Es gilt nur, die dafür strategisch so wertvolle Zeit bis zur Lizenzpflicht unter der PSD2 auch auszunutzen.

Fazit

PSD2-Lizenz-Neulinge müssen jetzt aktiv werden und in die Vorbereitung ihres Lizenzantrags starten. Dabei gilt es, den frischen Wind des FinTech-Mindset in die Gestaltung der notwendigen Management-Prozesse mitzunehmen und die Chancen, die sich aus der Lizenzierung ergeben, für das eigene Unternehmen zu nutzen. Auch für die Aufsicht und andere lizenzpflichtige Marktteilnehmer ergeben sich hieraus künftig Potenziale.

Nächstes Mal: TEIL 2 – Was kann ich als FinTech-Lizenz-Neuling“ von Banken lernen?